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Katalogeintrag

Technische Infos

Medium: VHS

Spielfilm

UdSSR, 1983

Freigabe: FSK ab 12 Jahren

Filmlänge: 119 Minuten

Keywords: Lebensraum, Idendität, Werte, Umwelt, Widerstand, Heimat

Filmkatalog

Leihanfrage

Leihbedingungen

Abschied von Matjora

(Proschtschanije S Matjory)

Produktion

Mosfilm, VA (Video-Anbieter) Filmverlag Homevideo

Produzent

A. Rasskasow, G. Sokolowa

Regie

Elem Klimow

Drehbuch

Larissa Schepitko, Rudolf Tjurin, German Klimow

Kamera

Alexej Rodionow, Juri Schirtladse, Sergej Taraskin

Schnitt

V. Byelova

Musik

Alfred Schnittke, A. Artjonow

Darsteller

Lew Durow, Stefanija Stanjuta, Alexej Petrenko, Leonid Krjuk, Vadim Jakovenko

"Matjora, ein sibirisches Bauerndorf, soll samt seiner Insel, auf der es liegt, einem gigantischem Stausee Platz machen und damit der Elektrifizierung geopfert werden. Matjoras Bewohnern droht die Unterbringung in einer Retortensiedlung flußaufwärts. Mit Stöcken und Fäusten wehren sie sich, zeigen Empörung darüber, ihr naturbestimmtes Leben aufgeben zu müssen und sich von ihren uralten Holzhäusern zu trennen. Andere leisten passiven Widerstand wie die Großmutter Darja, die in ihrer ursprünglichen Erdverbundenheit mit Zaubersprüchen den Geist der Insel und die Natur beschwört. Es gibt aber auch solche wie ihren Enkel Andre, die sich blindwütig und begeistert um jeden Preis für technischen Fortschritt einsetzen.
Der Film zeigt, daß sich die Lebenszusammenhänge nicht einfach versetzen lassen und ergreift pathetisch und eindringlich Partei." Quelle: Videoumschlag

Kritik:
"... Klimovs leidenschaftlicher Blick auf ein sibirisches Dorf läßt alles Städtische und Technische fremd erscheinen, läßt Bitterkeit spüren gegenüber einem fragwürdigen Fortschritt. ..." (epd-Film, 4 / 1987)

"... Im Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Tradition angesiedelt, überzeugt der Film vor allem durch seine zutiefst humane Gesinnung und seine Inszenierung, die mit überwältigenden Bildmetaphern vielschichtige Zusammenhänge erfahrbar macht." (Lexikon des Internationalen Films)

Materialien zum Film :
" [...] Der Film "Abschied von Matjora" (1982 gedreht und 1987 zum Export freigegeben) verbindet verschiedene Stränge; er tritt für eine engagierte Verteidigung der Umwelt ein, wobei er sich am russophilen "Bodendenken" orientiert und das Animistische gegen das instrumentale Verhältnis der Menschen zur Natur ausspielt. Die Freigabe dieses brisanten Films wurde verzögert, um nicht die öffentliche Diskussion um die Umleitung der Flußverläufe in Sibirien oder um das Schicksal des vergifteten Aralsees zu verstärken. In dieser Diskussion spielten gerade die Vertreter der "Dorfprosa", wie Sergej Zalygin oder Valentin Rasputin, nach dessen Vorlage Klimovs Film entstanden war, eine entscheidende Rolle.
Larisa Sepit'ko, die Frau Klimovs, begann mit den Dreharbeitern zu diesem Film, doch als sie bei einem Autounfall ums Leben kam, setzte Klimov ihre Arbeit fort. Er verlegt das Sujet (ein Dorf muß einem Kraftwerk weichen), das in den dreißiger Jahren ungetrübt fortschrittsgläubig behandelt worden war, nun ins "hohe" Genre und führte es als Tragödie aus. Dabei ignoriert er logische und psychologische Motivierungen - ihn interessieren weniger die individuellen Schicksale der Betroffenen als das kollektive Verhängnis, das über der Menschheit schwebt. Klimov inszenierte den Film über das Dorf Matjora als Abschied von einer unwiederbringbaren Harmonie zwischen Mensch und Natur. Der animistische Glaube der Hauptheldin Dar'ja an die Naturkräfte des Baums, der Erde, des Feuers, vermischt mit dem christlichen Glauben, der den traditionellen Zusammenhalt der Menschen sichern sollte, ihren Moralkodex und ihre Lebensweise formte, wurde vom neuen Glauben an eine soziale Utopie, die im Diesseits Realität werden sollte, abgelöst. Der Film vermittelt diesen Gegensatz in der Konfrontation zweier Lebensweisen: Die alte, die heidnische und christliche Elemente vermischte, über Jahrhunderte funktionierte und ihre eigenständige Kultur hervorbrachte, muß einer neuen weichen. Diese präsentiert sich in halb fertigen Wohnblöcken aus Beton, willkürlich verteilt in einer Mondlandschaft ohne Vegetation und Farben, mit vergessenen häßlichen Rohren, aufgewühlter Erde und Schmutz. Vielleicht entsteht irgendwann eine neue Alltagskultur, eine neue Lebensordnung, doch diesem Phantom muß jetzt die bisher gültige geopfert werden, da sie nicht in den neuen Raum hineinpaßt. Das alte Leben wird in "Abschied von Matjora" als farbenprächtiges Ritual inszeniert. Klimov, selbst ein Städter, rekonstruiert die alte Kultur als eine museale, zuweilen als ein Exotikum. Ihre expressive Wiederbelebung wird im Film als Kulthandlung inszeniert: das Teetrinken am Samowar oder die Heuernte mit Liedern, die rituelle Reinigung der Hütte, die wie eine Leichenwaschung vor der Verbrennung wirkt, oder das heidnische Nacktbaden in der Johannisnacht. Klimov inszeniert den Film als kollektives Mysterienspiel. Die Alten treten im Film wie der stumme Chor einer rituellen Handlung auf. Die Bildkompositionen sind oft der christlichen Ikonographie nachempfunden, und in den Dorfszenen treten die Mitglieder des Pokrovskij-Chors auf, der sich durch die Rekonstruktion der alten Vortragsweise von Volksliedern einen Namen gemacht hatte. In der Fabel des Films wird der Verlust der alten Kultur als ein folgenschwerer Bruch mit der Geschichte und als eine Absage an das historische Gedächtnis verankert. Eine Gruppe alter Frauen, die letzten Beschützerinnen der alten Kultur, wird am Ende des Films allein auf der Insel zurückgelassen. Die evakuierte Insel steht zwar noch, aber ihr Name ist auf der neuen Landkarte nicht mehr vermerkt und so aus dem Gedächtnis ausradiert. Die beiden Welten, die alte und die neue, nehmen sich gegenseitig als irreal wahr: Das Räumungskommando glaubt in den Alten Waldgeister zu erkennen, die alten Frauen wiederum staunen über das Luftkissenboot, das über der Erde schwebt, wie über ein UFO. "Abschied von Matjora" eröffnete die Serie der Entropiefilme des Jahrzehnts. Sein apokalyptisches Weltempfinden wurde von späteren Werken in Science-Fiction-Sujets projiziert. [...]"
Quelle: Der neue Konservatismus : Filme der Entropie: Der Zerfall des Systems. - Geschichte des Sowjetischen und russischen Films / hrsg. von Christine Engel. Unter Mitarb. von Eva Binder, Oksana Bulgarkova, Evgenij Margolit ... - Stuttgart ; Weimar: Metzler, 1999. - S. 247 - 248

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