Bild & Icon: Filmkommunikation - Anspruchsvolles Kino in Thüringen

Katalogeintrag

Technische Infos

Medium: VHS

Spielfilm s/w

DDR, 1950-1951

Freigabe: FSK ab 16 Jahren

Filmlänge: 90 Minuten

Keywords: Literaturverfilmung, Tragikomödie

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Bild zum Film: Der Untertan
Bild zum Film: Der Untertan
Bild zum Film: Der Untertan

Der Untertan

Produktion

DEFA

Produzent

Willi Teichmann

Regie

Wolfgang Staudte

Drehbuch

Wolfgang Staudte, Fritz Staudte, nach dem gleichnamigen Roman von Heinrich Mann

Kamera

Robert Baberske

Schnitt

Johanna Rosinski

Musik

Horst Hanns Sieber

Darsteller

Gertrud Bergmann, Emmy Burg, Friedrich Maurer, Erich Nadler, Renate Fischer, Hans-Georg Laubenthal, Carola Braunbock, Harry Riebauer, Ernst Legal, Sabine Thalbach, Paul Esser, Eduard von Winterstein, Werner Peters

"Neue Maßstäbe
Wieder hat Heinrich Mann dem deutschen Film einen neuen Auftrieb gegeben. Wieder hat eines seiner Werke bewiesen, daß der Film kühne, inhaltsreiche und typische Stoffe braucht, um mit der künstlerischen Erneuerung auch die Publikumswirksamkeit zu verstärken. Als aus "Professor Unrat", "Der blaue Engel" wurde, konnte sich der Film noch an die Story von der "Künstlerin Fröhlich" halten und damit auf das beliebte "filmeigene" Gebiet zurückfinden. Dieser mit Emil Jannings und Marlene Dietrich schauspielerisch üppig besetzte und hervorragend gespielte Film verleugnete zwar nicht die Kritik am selbstgerechten Schultyrannen Professor Rat, den seine Schüler Unrat nannten, aber er glaubte doch einer populären Umdeutung nicht entraten zu können, indem er einen Heinrich-Mann-fremden Bajazzoschluß anhängte. DER UNTERTAN verzichtet durchaus auf solche Erweichungen und gibt klar und unerbittlich den satirischen Angriff auf die Untertanenseligkeit der wilhelminischen Zeit. Wolfgang Staudte hat es sich nicht leichtgemacht. Der Roman verzichtet im Grunde auf das erzählende Element, also auf die an sich und für den Film notwendige Fabel. Er drängt das Leben Diederich Heßlings, des Fabrikantensohnes aus der kleinen Stadt Netzig, immer wieder in prägnante, satirisch zugespitzte Situationen, deren epischen Zusammenhang die Zeit selbst liefert. Und welchen Zusammenhang! Dem plüschenen Kitsch den Bürgerstube und ihrer klavierseligen Sentimentalität entspricht die sadistische Prügelerziehung. Der Geprügelte wird später selbst prügeln. Kneipe, Mensuren und Kasernenhof sind die nächsten Stationen, bis Diederich Heßling nach dem Tode seines Vaters von seiner Fabrik Besitz ergreift und nun der Untertan die Arbeiter als Untertanen behandelt. So geht es weiter durch alle Stationen der Feigheit und des Hochmuts bis zu jenen Szenen der Knechtseligkeit, als Diederich Heßling beim Besuch Wilhelms des Zweiten in Rom den Absperrungsring durchbricht und begeistert neben dem Wagen des Kaisers herläuft: Auge in Auge sich gegenüber der Kaiser und sein Untertan!
Dieser Defa-Film kommt im rechten Augenblick; politisch und künstlerisch. Denn in welchem deutschen Roman wurde schärfer jener Untertanentyp entlarvt, der sich immer wieder für Militär und Krieg mißbrauchen läßt. Der Film führt die Entlarvung optisch weiter. Ein Gesicht, ja ein Nacken, ein Auge, ein Mund können eine ganze Menschengruppe, einen Stand, eine Klasse entlarven. Die Großeinstellungen, der Wechsel der Einzel- und Gesamtaufnahmen, von den genialen sowjetischen Regisseuren Eisenstein und Pudowkin als bilddramaturgisches Mittel in den Film eingeführt, sind von Staudte und seinem Kameramann Baberske hier selbständig und in richtiger, sinndienender Anordnung verwendet. Dadurch erst werden die vielen satirischen Situationen und Simplizissimus-Karikaturen möglich.
Dieses zu sagen und im folgenden auf die Schauspielerführung im UNTERTAN hinzuweisen, ist heute besonders nötig, weil manche mit einem Film schon zufrieden sind, wenn er nur im Stoff und Thema fortschrittlich ist. Sie vergessen dabei, daß gerade die fortschrittliche Wirkung stärker wäre, wenn, wie z. B. in dem wichtigen Film Die Sonnenbrucks, die Schauspielerführung dem Inhalt entsprochen hätte. Die Besetzung war auch dort vortrefflich. Aber es ist nicht Fachsimpelei, sondern nur ein Beweis, wie wichtig ein Volksfilm genommen wird, wenn auf die Unzulässigkeit mancher Filmregisseure gerade in der Abstimmung und dramaturgischen Führung der Schauspieler hingewiesen wird. Denn diese Unzulässigkeit trübt und verwischt den Inhalt. DER UNTERTAN liefert den Gegenbeweis. Hier entsprechen sich Bild- und Wortregie, und der künstlerische Erfolg ist auch der politische Erfolg.
Wie schwierig hatte es dabei etwa Werner Peters, der den Untertan von einer Spitzensituation in die andere führen muß. Er machte das ausgezeichnet. Er war der richtige Typ für die Rolle. Aber er verließ sich nicht darauf. Er gestaltete, er variierte. Er hat wie auf der Bühne auch im Film große Möglichkeiten. Charakteristisch gegen ihn abgesetzt ähnliche Untertanentypen: Hans-Georg Laubenthal als Mahlmann, Axel Triebel als Major Kunze, Georg August Koch
als Medizinalrat. Wieder eine andere Schicht vertreten meisterhaft Ernst Legal als Pastor Zillich, Paul Esser als Regierungspräsident von Wulkow. Dagegen die Anständigen: Eduard von Winterstein als alter Achtundvierziger, Raimund Schelcher als sein Sohn, Friedrich Maurer als Fabrikant Göpel und Fritz Staudte als Amtsgerichtsrat Kühlemann.
Das ist Regie, die Rollen nicht nur im Typ richtig zu besetzen, sondern auch im Fluß zu halten und vor Erstarrung zu bewahren. Auch das ist geglückt, trotz der zugespitzten Situationen, besonders gut in den Frauenrollen: Sabine Thalbach als kleinbürgerliche Agnes Göpel, Blandine Ebinger als Frau von Wulkow, Carola Braunbock als Schwester Heßlings, Renate Fischer als Guste Daimchen.
Nur zwei Unklarheiten bleiben übrig: Napoleon Fischer, der schwankende, korrupte Arbeiter, ist für den Zuschauer nicht genügend akzentuiert, und der Vertreter einer jungen protestierenden Arbeitergeneration bleibt zu sehr im Hintergrund. Heinrich Mann hat zum zweiten Male dem deutschen Film einen Anstoß gegeben und diesmal entscheidend. Wir könnten und müßten noch mehr Schauspieler nennen, die alle gut waren. Warum? Weil ein Dichter wie Heinrich Mann Ansprüche stellte, ein Regisseur und Drehbuchverfasser wie Wolfgang Staudte diese Ansprüche nach der gesellschaftskritischen und künstlerischen Seite mit seinem Kameramann richtig verstand, an die Schauspieler weitergab und diese wiederum durch Drehbuch und Regie in ihrem besten Teil bestätigt wurden. DER UNTERTAN hat Maßstäbe gesetzt. Sie müssen angewendet werden.
Berliner Zeitung, 4.9.1951"
Quelle: Ihering, Herbert : Neue Maßstäbe. - In: Netenjakob, Egon: Staudte / Hrsg. von Eva Orbanz und Helmut Prinzler. Mit einem Nachw. von Heinz Ungureit. - Berlin: Wissenschaftsverl. Volker Spieß, 1991. - (Edition Filme ; 6). - S. 184 - 186

" [...] Die Untertanen sind unter uns
Einigermaßen skurril wirkt heute ein Brief Stefan Heymanns aus der Abteilung Kultur und Erziehung der SED an Sepp Schwab, in dem er mitteilt, daß die Partei nicht nur nichts gegen eine Beschäftigung des US-amerikanischen Regisseurs Erich von Stroheim bei der DEFA habe, sondern sogar die Möglichkeit erwäge, ihn den Untertan machen zu lassen. Bertolt Brecht war an Stroheim herangetreten und bei diesem auf Interesse gestoßen, in Babelsberg zu inszenieren. »Vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen wäre ein Film unter der Regie von Erich von Stroheim zweifellos eine Weltsensation für die Defa und muß dementsprechend auch von Euch bewertet werden«, schreibt Heymann - vermutlich in völliger Unkenntnis des Genannten, der in Hollywood längst als enfant terrible galt, weil er sich kaum Forderungen der Produzenten unterwarf und alle Kalkulationen beständig und erheblich überzog.
Ob es tatsächlich Verhandlungen mit Stroheim gab, ist unbekannt; bald arbeiten Wolfgang und sein Vater Fritz Staudte an dem Projekt, das zunächst mit Arno Paulsen, dem Darsteller des Fabrikanten und Kriegsverbrechers Brückner aus Die Mörder sind unter uns, verfilmt werden soll. Als Paulsen nicht zur Verfügung steht, engagiert der Regisseur den viel jüngeren Werner Peters - für ihn wird Diederich Heßling, des Kaisers getreuer Spießbürger, die Rolle seines Lebens. Staudte plaziert ihn im Zentrum eines satirischen Feuerwerks, mit dem er den aus Angst, Gehorsam und Opportunismus gespeisten preußisch-deutschen militaristischen Geist entlarvt. Der Roman wird, ganz in Heinrich Manns Sinn, in einen Bilderreigen der Borniertheit und Eitelkeit verwandelt. Mit der Schlußeinstellung schlägt Staudte, angeregt von einem sowjetischen DEFA-Berater, sogar den Bogen aus dem vorigen Jahrhundert in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg: Nachdem die Einweihung des Kaiser-Denkmals durch ein Gewitter beendet worden ist und die Wolken verflogen sind, hat sich das Städtchen Netzig in eine zerbombte Ruinenlandschaft verwandelt; Trümmerfrauen klopfen Steine - ein in seiner Prägnanz und Einfachheit treffendes optisches Motiv für den Weg des deutschen Volkes in den letzten sechzig Jahren. Der Untertan ist ein Film von historischem Atem.
Und er ist eine Arbeit, die über weite Strecken den braven optischen Stil der Zeit verläßt. Staudte und sein Kameramann Robert Baberske bemühen sich um expressive Bilder: entlarvende Untersichten und Spiegelungen, gewagte Anschnitte, eine von vielen schlechten Geistern der Ufa befreite Fotografie. Der Lauf Diederich Heßlings neben des Kaisers Kutsche in Rom, die verzückten Verbeugungen vor der höchsten Obrigkeit werden auch optisch als Krönung ewigen Gehorsams transparent. Hinter vorgehaltener Hand tuscheln Dogmatiker zwar von Formalismus - öffentlich aber gibt es in der DDR keine gravierenden Attacken gegen den Stil des Untertan, der international schnell als Ruhmesblatt der DEFA anerkannt ist.
Doch bevor er ins Atelier gehen kann, beschäftigt sich die DEFA-Kommission mit Staudtes Einfällen, fordert den Regisseur auf, alle intellektuellen Überspitzungen und Entgleisungen in die »alte Ufa-Erotik« aus dem Drehbuch zu streichen und die in der Handlung agierenden Vertreter der Arbeiterklasse schärfer und kämpferischer zu gestalten.
Kurz vor Drehbeginn moniert Anton Ackermann: »Schlecht an dem Drehbuch ist die völlige Perspektivenlosigkeit. Das ganze Volk besteht nur aus Untertanen, außer einem jungen Arbeiter, der durch seinen Tod ans der Handlung ausscheidet. Das Drehbuch ist also nicht realistisch.« Ackermann argumentiert, daß es zur Zeit der Filmhandlung zum Beispiel Liebknecht gegeben habe, der gegen den Untertanengeist auftrat: "Die einzige Möglichkeit, dieses Drehbuch zu verfilmen, wäre, wenn die Arbeiter oder ein Arbeiter eine kämpferische Figur darstellen würde. (...) Wenn wir den Film zeigen, ohne das zum Ausdruck zu bringen, werden wir mit Recht schärfste Kritik erfahren." Diesmal ist es Sepp Schwab, der abwiegelt, die Arbeit könne nun nicht mehr gestoppt werden.
Durchaus zum Bild der Zeit gehört die Ablehnung des Untertan in westdeutschen konservativen Kreisen. Die Zeitschrift "Der Spiegel" druckt, was Bonner Ministerialbeamte denken, und artikuliert ebenso absurde Wünsche und Vorstellungen wie die DEFA-Kommission, nur eben um hundertachtzig Grad gedreht: Der Untertan sei ein »Paradebeispiel ostzonaler Filmpolitik: Man läßt einen politischen Kindskopf wie den verwirrten Pazifisten Staudte einen scheinbar unpolitischen Film drehen, der aber geeignet ist, in der westlichen Welt Stimmung gegen Deutschland und damit gegen die Aufrüstung der Bundesrepublik zu machen. Der Film läßt vollständig außer acht, daß es in der ganzen preußischen Geschichte keinen Untertan gegeben hat, der so unfrei gewesen wäre wie die volkseigenen Menschen unter Stalins Gesinnungspolizei es samt und sonders sind.« Erst nach langen Verhandlungen des Berliner Filmkaufmanns Erich Mehl, einigen von Staudte selbst vorgenommenen Schnitten, die den Film um elf Minuten kürzen, und einem Vorspann, der auf den Einzelfallcharakter des Gezeigten hinweist, erlebt Der Untertan im März 1957 seine westdeutsche Premiere. [...]"
Quelle: Schenk, Ralf: Mitten im kalten Krieg : 1950 bis 1969. - - In: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg : DEFA-Spielfilme 1946-1992 / Red. Ralf Schenk. Mit Beitr. von Christiane Mückenberger, Ralf Schenk, Klaus Wischnewski ... Hrsg. vom Filmmuseum Potsdam. - Berlin: Henschel, 1994. - S. 70 -72

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